World’s First:
Noch nie zuvor betrat jemand die weltweit größte Insel in einem See auf einer Insel in einem See auf einer Insel.

//Das wollten wir ändern…

Was war unsere Idee?
Hier kurz und knackig im Video erklärt:

Die erste Expedition zur weltweit größten Insel in einem See auf einer Insel in einem See auf einer Insel.

18 Tage // 175 km zu Fuß und zu Wasser

Ein Expeditionsbericht

Text: Mario Bastady
Fotos: Joshua Grom, Sebastian Uhrig, Mario Bastady

Diverse geöffnete sowie hinterlegte Tabs überfluteten den Browser und warteten auf Bearbeitung. Einige von ihnen erinnerten durch ihre schiere Anzahl an die fällige Buchung der Flüge, was allerdings auch nicht ganz simpel war; hat man sich auf einen mehr oder minder bezahlbaren Flug festgelegt, den Anbieter mit den notwendigen Daten gefüttert und sich bezüglich der Art des Zahlungstransfers festgelegt, so korrigierte nach vermeintlich erfolgreicher Eingabe meinerseits der Fluganbieter bisher zwei Mal spontan den Preis nach oben. Ich teilte die Info über die erneut nicht erfolgte Buchung in der WhatsApp-Gruppe mit Josh und Sebi mit und schloss die Tabs unerledigter Dinge. Es war ohnehin wieder Zeit, den sich in einer Art Schwebezustand befindlichen Körper in eine expeditionstaugliche Form zu bekommen; Laufen (auf dringliches Anraten mütterlicherseits) sowie das Training mit dem eigenen Körpergewicht sollten planmäßig Abhilfe schaffen. Vom Bouldern erhoffte ich mir ein besseres Körpergefühl…oder wohl auch einfach Spaß.

Neben den körperlichen Vorbereitungen, welche wohl primär für mich (Mario) unabdingbar waren, galt es, dem bestehenden Plan auch organisatorisch einen Schritt näher zu kommen. Josh, mein Kindergartenfreund, las 2016 das erste Mal im Internet von der rätselhaften Insel; einer Insel in einem See, auf einer Insel in einem See, auf einer Insel (im Meer). Letztgenannte Insel hört auf den Namen Victoria Island, ist die acht größte Insel der Welt und befindet sich nördlich von Kanada in arktischem Gebiet. Seitdem ließ Josh (31) die Idee des Erreichens dieser Kuriosität aus eigener Kraft nicht mehr los; sie entwickelte sich zu einem kleinen Traum. Bis aus der bloßen Vorstellung etwas konkretes, etwas greifbares werden konnte, verging einige Zeit der Planung; so wurden digitale Karten von Victoria Island gewälzt, Überlegungen bzgl. der Ausrüstung angestellt oder – ganz wichtig – auch Mitstreitende gesucht.

Diese fand er in Sebi (28) und mir (33). Nachdem Josh bereits 2020 erstmals mit dem Ziel dieser Inception Island auf mich zugekommen ist, gab ich anfangs – wenn auch zögerlich – noch grünes Licht. Nach einigen Überlegungen machte ich aber schon nach wenigen Wochen einen Rückzieher und räumte (zumindest temporär) das Feld. Knapp zwei Jahre später gab es dann am 23. Dezember das Comeback im Struwelpeter, einer Kneipe in Idstein. Es brauchte keine übermäßige Anzahl kalter, stimmungsaufhellender Getränke. Die Motivationsreden Joshs´ und die (undankbaren) Beipflichtungen unseres Freundeskreises brachten meinen damaligen Rückzieher anfangs ins Wanken, und später dann gänzlich zum Kentern. Kurz, ich war wieder dabei!

Zeitgleich gelang Josh der nächste Transfercoup: Auch Sebi, ein langjähriger Freund gemeinsamer Abenteuerreisen mit Wandermut, begab sich an Board!

Von nun an fieberten wir zu dritt der Realisierung der Expedition entgegen.
Das ersehnte Ziel auf einer topografischen Karte, unten rechts im Bild. Hier offenbarten sich schon die ersten Hürden: Jede Menge Seen, Tümpel und Flüsse, durch die wir navigieren müssten.
Victoria Island, Kanada, nördlich des Polarkreises
Victoria-Island-Uebersicht-4
2,24 Fußballfelder groß ist die Insel laut Karten und Satellitenbildern…

Nach einem gemeinsamen digitalen Kennenlernen begannen wir mit wöchentlichen Treffen (leider ebenfalls online). Inhaltlich besonders einnehmend war die Sponsorensuche. Weitere Themen unserer wöchentlichen Zusammenkünfte betrafen den Austausch über das Equipment oder das Festlegen des Zeitraums, in welchem die Expedition stattfinden sollte. Da wir alle drei beruflich eingespannt waren und wir die Begebenheiten von Victoria Island berücksichtigen mussten, war das Festlegen eines Zeitraums nicht ganz ohne Komplikationen. Letztlich entschieden wir uns vor allem aufgrund des Wetters für den August. Das gäbe uns knapp 30 Tage Zeit, um nicht nur die Third Order Island zu erreichen, sondern auch die Möglichkeit im Anschluss weitere 180 km Richtung Westen zurückzulegen, um Victoria Island zu überqueren.

Zudem machten wir uns Gedanken über die Sicherheit. Vordergründig besprachen wir die theoretische Möglichkeit der Gesellschaft eines Eisbären und wie wir diesen gegebenenfalls empfangen würden (Oder würde er uns empfangen?). Auch Wölfe, Grizzlybären, Moschusochsen und Karibus standen auf der Gästeliste der größeren tierischen Vertreter und konnten uns jederzeit einen spontanen Besuch abstatten. Um dabei auf größere (zeitliche) Überraschungen zu verzichten, entschieden wir uns hinsichtlich Gegenmaßnahmen vor allem für ein Tripwire, einer Art provisorischer Bärenzaun mit analogen Alarmen, welche den Besuchenden zumindest ankündigen sollte. Weitere Anschaffungen waren Bengalos, mehrere Pfeifen und ein Gewehr; letzteres nur für den Notfall und auf wiederholtes Anraten der Bewohnenden von Victoria Island hin. Sollte es dennoch zu einer unglücklichen Begegnung kommen, war eine Reiseapotheke notwendig. So waren wir schließlich ausgestattet mit Medikamenten und auch Maßnahmen gegen größere (auch fremdgesteuerte) Unfälle, damit im Ernstfall zumindest die Zeit bis zum Eintreffen professioneller Unterstützung überbrückt hätte werden können.

Der erste Testlauf mit unserem Wanderwagen von reacha

Die aber wichtigste Frage beschäftigte sich mit dem Thema der Fortbewegung.

Wie würden wir die knapp 80 kg Ausstattung (über 35 kg nur für Essen) denn bewegt bekommen?

Wir entschieden uns für den reacha, ein Hand- und Fahrradanhänger als Grundlage, welchen wir letztlich an unsere Bedürfnisse anpassten. Diesen wollten wir mit einem Geschirr (für Pulkas) hinter uns herziehen. Für die Episoden auf Gewässer, planten wir mit jeweils einem Packraft pro Person. Damit versprachen wir uns genügend Flexibilität und ohnehin mussten wir spätestens am Ende der Expedition planmäßig mehrere Gewässer überqueren, um Third Order Island zu erreichen.

Weil Sebi und ich uns nun noch immer nur digital zu Gesicht bekommen hatten und wir uns als Gruppe zwecks Planung und praktischer Versuche ohnehin auch Mal offline treffen mussten, verbrachten wir ein paar Wochen vor dem Flug ein Wochenende in Garmisch Partenkirchen bei Josh. Unsere Aufmerksamkeit galt in erster Linie unseren drei Zugpferden; Hand- und Fahrradanhänger, welche die Last von knapp 80 kg Ausrüstung pro Person tragen sollten. Angesichts der verbleibenden Zeit wurden wir nervös: die reacha Anhänger funktionierten dem Zweck dienlich (auf zumindest ebenen, bestenfalls betonierten Flächen), waren aber keineswegs auf die unwegsamen Begebenheiten in arktischem Gebiet vorbereitet. Es begann also ein kleiner Wettlauf gegen die rinnende Zeit in den nächsten Wochen und die vorzunehmenden Anpassungen an den Anhängern gelangen erst in den letzten Tagen vor dem Flug: Durch den Einbau einer Achse zwischen den zwei Reifen konnten wir an Stabilität gewinnen. Dadurch wurde der Wechsel auf kleinere Reifen nötig, was durchaus ein größeres Zugeständnis werden sollte. Über die Versuche, den Wagen ohne Achse testweise in Garmisch durch das Gelände zu ziehen, möchte ich lieber nicht Zeugnis ablegen…

Des Weiteren tauschten wir uns an besagtem Wochenende über unsere (zwischenmenschlichen) Erwartungen aus. Wie würden und wollten wir miteinander umgehen und wer benötigt was, um sich wohlzufühlen. Immerhin würden wir eine lange Zeit miteinander verbringen und jede noch so kleine Entscheidung gemeinsam fällen müssen. Da ist es nicht verkehrt, sich im Vorhinein Gedanken darüber zu machen und die jeweiligen Bedürfnisse auszutauschen.

Am Vorabend unsere Fluges trafen wir uns alle zusammen in Idstein. Stundenlang wurde gepackt und umgepackt, sortiert und aussortiert und Ausrüstung so lange untereinander getauscht, bis die maximal zulässige Gewichtsvorgabe für Sperrgepäcke erreicht wurden. Ich war durch die Anreise im ICE (mit einem Teil der Ausrüstung) körperlich bereits ausgezehrt und verlor weitere Reserven durch das erwähnte Ausrüstungs-Tetris-Spielen. Den Rest gab mir dann die Konfrontation mit der Realität: Morgen früh würde es zum Flughafen gehen. Ich war noch nie so nervös und angespannt angesichts der anstehenden Herausforderung! Die Nacht geizte mit wirklicher Erholung, sodass ich die Stunden vor dem Flug tatsächlich noch angespannter wurde und zunehmend einem Häufchen Elend glich. Bevor wir uns unserem kleinen Abschiedskomitee erkenntlich zeigen konnten, machte uns beinah die (fehlende) Einreiseerlaubnis eines unsere Mitstreitenden einen Strich durch die Rechnung. Die Einreise ist zwar eher niedrigschwellig, aber eben nicht Hürdenlos. Glücklicherweise gelang es einer (nun von uns sehr geschätzten) Mitarbeiterin der Airline uns rettend zur Seite zu eilen und lies sich auch nicht durch – dann noch dazukommenden – Zahlendreher in der Nummer des Reisepasses eines Mitstreitenden beirren; Grund genug dafür hätten wir ihr durchaus gegeben.

Der Rest ging zügig: Das Gepäck wurde aufgenommen, die Hinterbliebenen schweren Herzens verabschiedet und dann ging es los! Also…zumindest fast. Überraschenderweise lehnten die Mitarbeitenden im Kontrollbereich das Mitführen eines Leatherman im Handgepäck während des Fluges ab, sodass wir von nun an nur noch über einen verfügten. Grüße gehen raus an den Mitstreitenden, der bereits Erwähnung fand bei der Einreiseerlaubnis. Nun ging es aber wirklich los!

Diverse Zwischenstopps später und kurz vor unserer letzten Landung, erhaschten wir die ersten Eindrücke von Victoria Island. Aus dem Flugzeug heraus sah das Auge unendliche Weiten, welche noch glattgebügelter wirkten, als wir es uns hätten vorstellen können. Farblich wechselten sich grün-bräunliche Flächen mit unzähligen Gewässern ab. Wie weit man auch blickte, es gab zahlreiche Seen und Flüsse, die Victoria Island durchzogen.

Plötzlich waren wir mittendrin. Monate der Planung lagen nun hinter uns und unmittelbar vor uns befand sich das wohl größte Abenteuer unseres Leben.

Das Ganze noch nicht wirklich begreifend, begannen wir damit, unser Gepäck (es hatte die Anreise weitestgehend unbeschadet überstanden) vor dem winzigen Flughafen zu sortieren, zu packen und einen Haufen Einzelteile zu drei reacha Anhängern zusammenzuführen. Moskitos begrüßten uns mit den ersten – von sehr vielen – Stichen und die Anwesenheit der Sonne freute und überraschte uns gleichfalls. Die nächsten Stunden verbrachten wir mit den letzten Erledigungen vor Ort und kauften so unter anderem Flüssiggas für die Kocher.

Am nächsten Morgen setzten wir uns mit unseren reachas in Bewegung. Abseits der mehr oder weniger gefestigten Wege, welche uns noch die nächsten drei Tage entlang der Küste begleiten sollten, war unser Vorankommen erschreckend langsam und mühselig. Bereits am Vorabend tagte ein kleiner Krisenstab, nachdem wir das erste Mal Bekanntschaft mit der Bodenbeschaffung Victoria Islands gemacht hatten. Ich würde nicht sagen, dass wir es uns gänzlich anders vorgestellt hatten, aber eine Herausforderung würde es wohl dennoch werden, die Pilgerwägen mit den kleinen Reifen über den löchrigen, unebenen Boden zu ziehen. Also besprachen wir mehrere mögliche Alternativen; z.B. Reisen ohne Pilgerwagen oder mit Pilgerwagen sowie entlastendem Rucksack. Schlussendlich versuchten wir aber unseren eigentlichen Überlegungen gerecht zu werden. Und tatsächlich führten uns die sporadischen Wege einigermaßen durch das Gelände und es gelang uns täglich knapp 10 km zurückzulegen. Das entsprach zwar unseren Erwartungen, aber immerhin verkehrten wir auch noch auf Wegen!

Die ersten Tage verliefen – auch zwischenmenschlich – nicht ganz ohne Reibung. Tägliche Routinen mussten erarbeitet und verfeinert werden. Das bedurfte vermehrter Kommunikation und Absprache untereinander, betraf aber auch Auf- und Abbau des Lagers und vor allem das (sichere!) Packen unserer Pilgerwägen. Entsprechend nicht unerwähnt lassen möchte ich den Verlust diverser Ausrüstungsgegenstände: So opferte ich unter anderem zwei meiner drei Wasserflaschen, ein Stirnband und später ein nicht ganz unwesentliches Gebrauchsteil der Pumpe für die Packrafts. Josh entschied sich – wenn auch eher unfreiwillig – selbstbewusst dazu, dass wir auch ohne ausgedrucktes Kartenmaterial prima unseren Weg finden würden und Sebi entledigte sich des Öfteren verschiedenster Gegenständen, welche in den meisten Fällen aber wieder von Josh und mir aufgeklaubt werden konnten. Was die French Press sowie den primären Gaskocher anging, so blieben deren Aufenthalt noch lange Rätsel. Derweil der Kocher den Flug wohl gar nicht erst angetreten hatte, ist der Fall Kaffeezubereitung bis heute unaufgeklärt. Glücklicherweise verlegten wir diese Gegenstände in den ersten Tagen am Meer, sodass sie aller Wahrscheinlichkeit nach bereits neue Besitzer*Innen gefunden haben. Die Dinge, derer wir uns nicht entledigten, mussten auch erst Mal ihrem Zweck dienlich verstaut werden. So hatte ich lange Zeit Schwierigkeiten die Jacken- und Hosentaschen clever zu füllen. Es kam zu wilden Rotationen, bei denen GoPro, Messer, Smartphone, Tücher, Kleidung und zuvorderst das Moskitonetz ständig Plätze tauschten und sich dadurch teils unauffindbar machten. Die Moskitos erfreuten sich wiederum ungeschützter Gesichter und hinterließen schamlos ihre anhaltenden Spuren.

Unser Lager, aufgenommen mit der Drohne. Schwach zu erkennen unser Bärenzaun, aufgestellt im Dreieck um's Zelt.
Lange Sonnenuntergänge am Meer.

Letztlich gelang es uns aber einen Rhythmus zu finden. Wir teilten die anfallenden Arbeiten (vor allem) beim Lageraufbau untereinander auf, sodass gleichfalls Verantwortlichkeiten festgelegt wurden und man sich aufeinander verlassen konnte. So gehörte zu einem für uns vollständigem Lager unter anderem das Finden eines geeigneten Platzes in Süßwassernähe, der Zeltaufbau, die etwas provisorische Nutzung des Gaskochers, der Aufbau des Tripwire sowie die Installation des Wasserfilters mittels Höhenunterschiedes und die Beschaffung des Wassers hierfür. All diese Prozesse und (viele) Weitere wurden mit der Zeit besser erprobt und bedurften weniger Kommunikation. Allgemein kann man sagen, dass die Tage sich durchaus ähnelten und sich stets einem bestimmten Rhythmus unterwarfen. Beeinflusst wurden sie aber vor allem durch das Wetter, welches uns anfangs wohlgesonnen war. Obwohl auch festzuhalten ist, dass es keine angenehme Kombination aus Wetter und Moskitos gab: Zeigte sich die Sonne – wie in den ersten Tagen – von ihrer strahlenden Seite, so waren auch die summenden Monster stets nicht fern, sodass trotz warmen Temperaturen langärmlige Kleidung vor ihnen schützen musste. Das (wenig wünschenswerte) Ergebnis dieser Wechselwirkung spürte man als Schweiß den Körper herunterlaufen. Verdrängten die Wolken wiederum die Sonne auf die hinteren Plätze, so wurde es meistens auch kalt und windig. Hatten wir Glück, wurde es so windig, dass es den Moskitos zu bunt wurde und sie sich aus dem Staub machten. Hatten wir Pech, regnete es und wir wurden wieder nass und wünschten uns die Moskitos zurück. Während der ganzen Expedition galt es also stets abzuwägen, wie man sich kleidete und wie man möglichst schnell Zugriff auf Anpassungen in Form von Regenhose, Poncho oder Moskitonetz hatte. Organisation blieb essenziell.

Um kurz einen beispielhaften Tag zu skizzieren, beginnen wir mit dem Aufstehen gegen 8 Uhr morgens. Anschließend brauchten wir maximal zwei Stunden, um alles Nötige zu erledigen, damit wir mit dem Pilgerwagen oder dem Boot losziehen konnten; also vornehmlich Frühstücken, Packen und Zähne putzen. Nach durchschnittlich 5 km zu Fuß oder zu Wasser und kleineren Pausen für Snacks sowie zum Trinken, machten wir Mittagspause. In der Regel gab es ein warmes Mittagessen und als Nachtisch folgten weitere knapp 5 km der Fortbewegung, bis es gegen Abend zwischen 17 und 19 Uhr zum Lageraufbau kam. An den meisten Tagen war es das dann auch und wir fielen müde in den Schlafsack. Hin und wieder gelang es uns früher ein Lager aufzuschlagen, sodass wir noch mehr Zeit für Unterhaltungen, eine kleine Dusche in eiskaltem Wasser, die Wäsche der Kleidung oder das Erstellen von Foto- und Videomaterial hatten.

Am dritten Tag bogen wir ab ins Landesinnere und verließen endgültig die letzten Überbleibsel der Zivilisation. Nach wie vor waren wir unsicher, auf welche Art und Weise wir uns fortbewegen wollten und künftig konnten. Die nächsten zwei Stunden sollten diesbezüglich Abhilfe schaffen und uns die Entscheidungsfindung vereinfachen: 2 km zerrten wir die Pilgerwägen unter größten Anstrengungen einen langen und wenig steilen Anstieg hinauf. Ich selbst konnte währenddessen keine 30 Sekunden laufen, ohne mindestens anschließend die gleiche Zeit zu ruhen und zu Atem zu kommen. Die letzten Meter brachten wir gar hinter uns, indem wir uns zu dritt auf nur einen Wagen stürzten und diesen gemeinsam schoben. Nachdem wir dann ein (wunderschönes) Lager gefunden und uns eingerichtet hatten, war ich todmüde. Ich denke den anderen ging es ähnlich. Wir teilten uns den mitgebrachten, sehr verdienten Whiskey und ließen den Tag Revue passieren: Es war für uns alle klar, dass wir den folgenden Tag für größere Anpassungen brauchten, damit die heutige Tagesetappe nicht als Abziehbild für die restlichen Tage der Expedition herhalten musste.

Den kommenden Tag legten wir 2 km fußläufig zurück bis zu einem großen See, den Josh, unser (zumeist) zuverlässiger Navigator, für uns als Zwischenziel ausfindig gemacht hatte. Bei bestem Wetter prüften wir nach einem wunderschönen Bad im See jeden einzelnen Ausrüstungsgegenstand auf seine tatsächliche Notwendigkeit. Auf diese Weise reduzierte jeder von uns sein Packgewicht um knapp 30 kg. Ersatzreifen, jede Menge Kleidung, Lampen, Powerbanks und jede Menge Essen wurden separiert und schließlich am Ufer des Sees deponiert. Nachdem Sebi und ich anfänglich noch zögerten, schnappte Josh sich seine Daunenjacke und packte sie ein. Damit ließ er sich nicht von den tollen Wetterverhältnissen verführen und rettete uns den Arsch. Wir folgten seiner Entscheidung!

Die GPS-Koordinaten notierten wir und den bereits angefallenen Müll lagerten wir ein paar Meter weiter. Dadurch wollten wir vermeiden, dass Wildtiere unsere Depots durchwühlen. Als Orientierung für die ausreichende Menge an Nahrung diente uns ein grobes Überschlagen der Tage, die wir mindestens noch zu unserem Ziel der Inception Island benötigen würden; 18 Tage hatten wir von nun an noch Zeit. Mit dieser Entscheidung fiel gleichfalls eine weitere: Von nun an war eine Überquerung Victoria Islands´ von Ost nach West, wie sie ursprünglich geplant war, keine Option mehr.

Wir wollten ein wenig leichtfüßiger reisen…

Wir alle fühlten uns leichter und befreiter durch den Gewichtsverlust. Bisher hatten wir unsere eigene Fortbewegung mit dem Pilgerwagen (und den anfänglich 80 kg) immer stets als eine Reise mit einem LKW verglichen. Sicherlich hätten die 30 Tage gereicht, um uns und den LKW irgendwie auf die Insel dritter Ordnung zu wuchten, aber wir wollten ein wenig leichtfüßiger Reisen und uns auch von Ausrüstung befreien, die sich bisher als durchaus verzichtbar herausgestellt hatte.

Nach einer nassen, kalten und angsteinflößenden Überfahrt nimmt uns die Daune zum Glück in den Arm.
So fühlt sich unser reacha also die ganze Zeit...

Am nächsten Tag erwachten wir mit Regen. Ein Blick auf den See, den es mittels Packrafts nun zu überqueren galt, konfrontierte uns mit Sturm, Gegenwind und ordentlich Wellengang. Am gestrigen Tag hatten wir die Boote vorbereitet und konnten sie nun beladen und seetauglich machen. Wir alle verfügten über nahezu keine praktische Erfahrung hinsichtlich der Nutzung von Packrafts und sollten die anstehende Höllenfahrt ordentlich unterschätzen. Zwar hatten wir vereinbart, eng beieinander zu fahren, aber es stellte sich als Herausforderung dar, einander im Blick zu behalten; zu sehr waren wir mit uns selbst und dem ansteigenden Wasserpegel im eigenen Boot beschäftigt. Die Wellen schlugen unablässig von schräg vorne ein und fanden ihren Weg ins Packraft. Bereits auf halber Strecke – wir waren bereits 20 Minuten schleppend langsam unterwegs – konnte Sebi sein Wasserfahrzeug als Swimmingpool nutzen, so tief stand der Wasserpegel. Angesichts dieser Gewaltinszenierung der Natur fühlten wir uns klein und ausgeliefert. Es hat sich wohl auch ein wenig Panik in mir breit gemacht.

Vollkommen durchnässt und wohlauf erreichten wir schließlich dennoch sicheren Tritt unter den Füßen. Während es weiterhin regnete, wechselten wir die Kleidung und suchten zum ersten Mal Schutz in den mitgenommenen Daunenjacken. Angesichts des Wetters und der Nässe fühlte sich die Jacke an, wie ein Stück zu Hause; ein bisschen sicheres Obdach mitten im arktischen Wetter (Danke Josh!).

Ursprünglich hatten wir vor, mit den Booten noch weiter über Gewässer zu fahren. Die Widrigkeiten gaben aber dazu Anlass, die Packrafts zurück- und die Pilgerwägen aufzubauen und zu beladen.

Diesen Transfer von Packraft zu Pilgerwagen und umgekehrt konnten wir die nächsten Wochen über bis zur Perfektion einüben, sooft gab es Anlass für einen Wechsel; leider oft auch im strömenden Regen. Es ging also bis zum Abendlager zu Fuß weiter. Für mich war es wohl körperlich einer der intensivsten Tage. Die letzten Kilometer war es sicher ein sowohl trauriger wie lustiger Anblick, wie ich so vor mich hin stolperte. Josh erbarmte sich meiner, indem er sich zurückfallen ließ und mir auf den hinteren Rängen beistand. Tatsächlich gab es mehr Aufschwung, wenn man nicht die Schlusshut bildete.

Joshuas Lieblingsbild zeigt den Autor am Ende seiner Kräfte. Wohl einer der anstrengensten Tage der Expedition.
Da ich im Folgenden den Lesenden nicht jeden einzelnen Tag detailliert vorlegen möchte, beschränke ich mich auf die Beschreibungen weniger ausgewählter Ereignisse.

Die Landschaft im Allgemeinen hatte ich bereits als weitläufig und flach beschrieben. Hinzuzufügen gilt die Tatsache, dass es auf Victoria Island weder Bäume noch irgendwelche Gewächse gibt, die auch nur ansatzweise über Kniehöhe anzutreffen wären. Stattdessen gab es löchrigen Boden, welchen wir liebevoll (oder auch voller Abneigung) Buckelpiste nannten. Diese machte einen Großteil des Untergrunds aus und harmonierte wenig mit unseren Pilgerwägen, die jedes einzelne Loch als Anlass zur Pause auffassten und uns damit das Vorankommen nicht gerade vereinfachten. Noch unübersichtlicher wurde es, wenn die Buckelpiste mit Wurzelgemüse im Duett auftrat. So nannten wir das hierzulande größte uns unter die Augen gekommene stöckige Gewächs. Es zeichnete sich aus durch flache, aber weit greifende Verästlungen, die es sich scheinbar zur Hauptaufgabe machten, unsere Pilgerwägen möglichst zu verlangsamen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, konnte die Buckelpiste mit Wurzelgemüse selbstverständlich auch in feuchter, mooriger Form auftreten. Vor allem die letzten zwei Tage waren diesbezüglich Herausforderungen für uns. Ich wusste mir nur noch zu helfen, indem ich sekündlich Flüche an die Buckelpiste adressierte und das Ganze zu einer persönlichen Angelegenheit erklärte. Das wiederum verlieh mir unverhofften Schwung, sodass Sebi und Josh mich auch Mal von hinten betrachten durften, während wir den besonders feuchten Stellen der Buckelpiste auszuweichen versuchten.

Eine beliebte, aber seltene Abwechslung fanden wir in steinigem Untergrund, welcher zumeist das Ende eines langen, wenig steilen Anstiegs definierte. Auf diesem konnten unsere Reifen sich in der Disziplin präsentieren, für welche sie ursprünglich gemacht wurden; im Rollen. Diese Abschnitte versuchten wir in unserer Planung der nächsten paar Hundert Meter stets zu berücksichtigen und machten gegebenenfalls auch Zugeständnisse die Luftlinie betreffend. Mehrfach führte uns unsere Route auch über eine Erhöhung (Berg wäre nicht angemessen), welche nur aus kleinen aufgetürmten Steinen zu bestehen schien. Das war aber nicht die einzige geografische Besonderheit, die wir nicht einzuordnen verstanden. Auf einer Insel fanden wir riesige Gesteinsbrocken, welche offensichtlich alle ihren Platz gen Inselmitte gewechselt hatten. Das erkannte man an breiten und fünf Meter langen Schleifspuren, welche im Boden hinterlassen wurden, als hätte ein Riese die schweren Steine nach oben gerollt. Wie das Gestein dabei den Höhenunterschied überwunden hatte, blieb uns ein Rätsel.

Unsere Theorie: Die Eisschollen des Sees drückten im letzten Winter die Steine weiter ans Land.

Gegen Mitte der Entdeckungsreise stach ein Tag besonders heraus: Während der Vortag uns mit bestem Wetter verwöhnt hatte, geizte der berichtenswerte damit. Aus dem Zelt heraus hörten wir den Regen, sodass wir uns im Schlafsack umdrehten und warteten. Wir konnten uns noch so oft wenden und grimmig dreinblicken, wir mussten ja doch irgendwann aufstehen. Der Regen aber hatte jede Menge Geduld mitgebracht und lud nach und nach auch das Gewitter zur Party ein. Mangels Aussicht auf vorzeitiges Verlassen dieser Party, entschieden wir uns für die Teilnahme und begannen damit, die Packrafts vorzubereiten. Wassermassen drohten also von oben als auch von unten.

Bereits seit einigen Tagen schmiedeten Sebi und Josh Pläne, unseres Boote mit einem DIY Segel ein Upgrade zu verleihen. Während ich die zwei immer nasser werdend belächelte, begaben sie sich an die Realisierung ihres Projekts. Und – oh siehe da – sie sollten Erfolg haben!
Third Order Island Expedition 2023

Mittlerweile hatten sich Regen und Blitz verabschiedet, sodass wir mit dem Sturm alleine waren. Dieser suchte und fand das aus einem Poncho gefertigte Segel, verhedderte sich darin und katapultierte unsere Packrafts mühelos in die richtige Richtung nach Norden. Staunend grinsten wir uns wie kleine, die Welt entdeckende Kinder, an und hatten nun auch endlich Spaß an dieser Party. Wir legten knapp 17 km zurück und das einzige, was wir tun mussten, war das Paddel schräg nach hinten ins Wasser zu halten, um damit lenkend den Kurs zu halten. Auf diese Weise steuerten wir wiederholt markante Ziele in zwei, drei Kilometer Entfernung an, welche Josh mit dem GPS-Gerät navigierte. Gegen Abend erreichten wir eine kleine, wunderschöne Insel, auf welcher wir unser Lager mitten in der noch immer andauernden windigen Party errichteten. Glücklicherweise gesellte sich ein weiterer Gast hinzu: Ein Karibu. Er hatte uns unlängst vom Festland aus bemerkt und schwamm hinüber zu uns. Es war nicht das erste Karibu, welches sich uns in einer wohl sicheren Entfernung von 30m präsentierte und begann, scheinbar posierend vor uns auf und abzulaufen. Es war ein großartiges Gefühl, solch einem majestätischem Tier so nah sein zu können. Und wie neugierig sie waren…

 
Eine weitere tierische Begegnung ereignete sich bereits ein paar Tage zuvor. Wir paddelten gerade entlang der Küste auf dem Meer, als wir am Ufer einen Wolf zu Gesicht bekamen. Er trottete entlang des Meeres und verschwand schließlich wieder in der Landschaft. Auch für diese Begegnung waren wir dankbar, wenn sie auch nur eine sehr distanzierte war.

Bereits seit einigen Tagen hatten wir zwar kein Moskito-Problem mehr: Mittlerweile aber dafür ein Scheiß-Wetter-Problem. So ließen wir uns morgens den Regen schmecken, genossen dann zu Mittag Regen und gönnten uns an den Abenden – wer hätte es gedacht – Regen. Naiverweise betrachteten wir am Beginn der Expedition die Moskitos als unser größtes Feindbild. Mittlerweile war längst klar, dass Regen, Wind (aus der falschen Richtung) und stark sinkende Temperaturen dem Körper und der Seele deutlich mehr zusetzen konnten. Nichtsdestotrotz mussten wir uns tagelang arrangieren mit nasser Kleidung (welche ich zum Trocknen auch nachts eng an den Körper legte oder gar nicht erst auszog), ständigem Gegenwind beim Laufen sowie der Tatsache, dass man abseits der Notwendigkeiten (Fortbewegung, Essen, Schlafen) nichts weiter machen konnte. Regnete es auch zur Mittagszeit, konnte man nicht mal eben mittels einer Pausentaste in einen trockenen Ruhezustand wechseln; dann wurde im Regen gegessen oder wir setzten uns eben nass ins Zelt, was sich aber auch selbstredend nicht von alleine im Regen auf- und wieder abbaute. Anschließend das sichere Zelt wieder zu verlassen, um weiterzulaufen, konnte ohnehin die größte Herausforderung darstellen; und offensichtlich eine, welcher wir an diesem besagten Tag Tribut zollen mussten.

Bei Sonne eine zuverlässiger Begleiter: Das Solarpanel von Nitecore.

Im Übrigen verfügten wir bis zum Schluss über genug Strom, sodass wir diverse Kameras, GoPros, Handys, GPS-Geräte, eine Drohne sowie weitere Geräte mit den Powerbanks laden konnten. Die Powerbanks selbst fütterten wir mit Solarstrom. Durch die sonnigen Tage zu Beginn hatten wir letztlich genug Strom für die ganze Expedition, auch wenn wir gegen Ende wegen der fehlenden Energiequelle (der Sonne) beinah etwas ins Straucheln kamen.

Nach der Mittagspause und diversen prognostischen Gesprächen über das Wetter, setzte sich demokratisch eine Zweidrittelmehrheit für eine Verlängerung der Pause bis zum kommenden Morgen durch. Wäre dem sich der Entscheidung Fügenden zum Zeitpunkt der Abstimmung bereits das Ausmaß der noch kommenden Wassermassen bekannt gewesen, so hätte er sicherlich ebenfalls für das Ausharren im Schlafsack votiert. Selbst dort waren wir aber nicht sicher und verschafften uns Abhilfe, indem wir den Poncho, welcher zur richtigen Allzweckwaffe zu werden schien, schützend zwischen die Zeltwände hängten. Bis dahin waren Isomatten und Schlafsack aber bereits nass, von den Rucksäcken im Vorzelt ganz zu schweigen. Die Zeit bis zum kommenden Morgen schlugen wir auf unterschiedliche Arten tot. So legte sich einer bereits nach der Mittagspause schlafen und begegnete dem Wetter damit wohl mit despektierlicher Nichtbeachtung; der Zweite übte sich (wie allabendlich) in Kreuzworträtseln und der Dritte schnappte sich seinen MP3-Player, welcher aufgrund nicht vorhandenem Aufladekabel Saft für eine Ladung hatte.

Als Team waren wir durchaus nicht nur unglücklich ob der erlebten Wetterbedingungen. Selbstredend konnten wir mit den sonnigen Verhältnissen ein wenig mehr anfangen, aber gefühlte Temperaturen von knapp 0 Grad waren eben auch ein fester oder eben der Bestandteil von Victoria Island. Hätten wir nicht auch diese Erfahrung mitmachen dürfen, wäre uns das Ganze rückblickend wohl nicht ganz vollständig und ehrlich vorgekommen. Und ohnehin benötigt niemand für eine solche Expedition durchgehende Schmeicheleinheiten der Sonne; das hatten wir ja gar nicht nötig und aus dem sprichwörtlichen Zucker waren wir sowieso nicht gemacht!

Nun lässt sich im Nachhinein leicht darüber schreiben, vor Ort waren die Regentage aber erst Mal zu meistern und begannen mit der Zeit gehörig zu nerven. So habe ich es zum Beispiel noch nie erlebt, dass es für 10 Sekunden aus dem Nichts heraus so schütten kann.

Wie kann in einen Moment die Sonne beginnen, die nassen Kleider wärmend zu benetzen, um dann im nächsten Augenblick und ohne weitere Vorwarnung seitens der Wolken, so plötzlich dem Niederschlag die Pforten zu öffnen?

Und wie kann sich dies in den nächsten Stunden immer und immer wieder abspielen? Es konnte uns allen manchmal die Nerven rauben, z.B. wenn man versuchte, einen Moment für Erledigungen aller Art außerhalb des Zeltes abzupassen. Auf keinen Fall unerwähnt lassen möchte ich hier einen wichtigen Gang; den Stuhlgang. Diesen führten wir durch, indem wir uns hinter dem nächsten Hügel (zur Erinnerung: es ist alles flach) verschanzten und (nicht selten im Wind und bei Nässe) das Papier zu falten versuchten. Verlegte Steine sollten dann den Vorgang (auch optisch) abschließen.

Im Regen ist aber alles unnötig kompliziert. Jede kleine Bewegung in der Kleidung macht einem die Tatsache der allgegenwärtigen Nässe wieder bewusst. Und wie nutzt man vernünftig eine Regenpause, wenn sie nicht mal als solche zu erkennen ist oder von der Dauer her keine verlässlichen Prognosen zulässt? Zudem man sich erst Mal aus dem Schlafsack heraus kämpfen und das Zelt öffnen muss, dabei die nassen Kleider zu spüren bekommt, in die Gummistiefel schlupfen und sich durch das Vorzelt hinaus bis ins Freie kämpfen muss. Nach diesen Zumutungen wurde man entweder mit einem erneuten Schauer überrascht oder selbiger kündigte sich mindestens drohend für die nächsten Sekunden an. Dadurch blieb einem maximal eine Minute bis zum nächsten Regenerguss. In dieser Aufregung vergaß ich dann durchaus, wo ich war und was ich eigentlich machen wollte und kroch nur teilweise verrichteter oder auch nasser Dinge demütig wieder in meinen Schlafsack zurück und wartete die nächste Pause ab, um erneut das Zelt zu verlassen zu können.

Bevor ich aufhöre (noch mehr) über die Wetterverhältnisse zu klagen, möchte ich noch über die Spitze der Erfahrungen diesbezüglich berichten. Wie erwähnt zeigte sich das Wetter in den letzten Tagen in einer ungemütlichen Konstanz. Zudem war es hinsichtlich unseres Vorankommens immer häufiger notwendig, von unseren Pilgerwägen auf die Packrafts (oder eben umgekehrt) zu wechseln. Bereits im trockenen Zustand konnte das von uns nicht als besonderes Vergnügen aufgefasst werden. Aber das bei ungemütlichstem Wetter und nicht funktionierender Pumpe zu praktizieren, glich dann doch sehr dem, was ich mir (als völlig unerfahrene Person) wohl unter einer Expedition vorzustellen hatte. Ich möchte auch nicht weiter auf diese Erfahrungen eingehen und sie lieber der Vorstellungskraft der Lesenden überlassen. Nur soviel; der Poncho glänzte zwar bereits in verschiedenen Disziplinen, aber angesichts donnernder Wettergötter hatte er nichts zu melden und die – sogenannten – wasserfesten Handschuhe waren alles, aber nicht wasserfest.

Nun erneut zur Daunenjacke: Sobald wir ein Abendlager aufgebaut hatten, stürzten wir uns nach wie vor auf die wärmenden und vor allem trock(n)en(d)en Jacken! Sie waren eine solche Wohltat im gefühlten Feierabend und halfen uns sehr, diese Wettereskapaden auszuhalten.

In den letzten Zügen unserer Expedition wuchs die Zahl der Transfers zwischen Boot und Pilgerwagen so rasant, dass wir das Packraft schließlich nicht mehr ständig seiner Luft beraubten, sondern es nur wendeten, auf den Pilgerwagen wuchteten und festbanden. Optisch ähnelte unsere Karawane damit wohl erneut dem LKW, den wir irgendwann Mal zu vermeiden suchten.

Schließlich kamen wir der Third Order Island mit jedem Schritt und mit jedem Paddelschlag näher.

Mit der Gewissheit der Endlichkeit unseres Vorhabens fühlten wir uns beflügelter und wurden schneller. Das Ziel erschien nun das erste Mal wirklich greifbar. Uns trennten nur noch die letzten Kilometer Buckelpiste – welcher ich unzählige Beleidigungen entgegenwarf – sowie zwei Gewässerüberquerungen von unserem Ziel. Victoria Island legte uns die letzten Steine in den Weg und setzte uns nach wie vor mit arktischem Wetter zu. Die Vögel über uns zogen, uns scheinbar auslachend, ihre Kreise und die letzte warme Mahlzeit wurde, den Rücken dem Wind entgegenhaltend, eingenommen. Dann warfen wir das vorletzte Mal die Paddel ins Wasser und mühten uns ab. Tatsächlich glich dieses Übersetzen einem wirklichen Finale, so schwer gestaltete das raue Gewässer uns diese Überfahrt. Hatten wir uns doch ein konkretes Ziel auf der Second Order Island gesetzt, so mussten wir nun feststellen, dass wir aufgrund der Verhältnisse dieses deutlich verfehlten und knapp 100m weiter links anlandeten. Dass wir nun 100m mehr laufen mussten, ließ uns aber unbeeindruckt. Die nächsten knapp ein bis zwei Kilometer wurden fußläufig durch Buckelpiste zurückgelegt und da sahen wir sie zum ersten Mal; die Third Order Island. Mit dem endgültigen Ziel im blick brachten wir die letzte Überfahrt beinahe würdevoll hinter uns, so stoisch und gelassen machten wir uns trotz aller Widrigkeiten an unser letztes Werk.

Nach 18 Tagen betraten wir gemeinsam im Regen und mit blutender Hand (das war meine erste Wunde soweit ich weiß) das lang ersehnte Ziel. Wir hatten es geschafft und damit tatsächlich unzählige Hürden seit Beginn des Jahres genommen und gemeistert. Bis heute fühlt es sich unwirklich an; nicht nur, dass wir all die Bemühungen auf uns genommen haben; sondern, dass wir vermutlich die ersten Menschen auf dieser Insel waren (Wir fanden nichts, was uns Gegenteiliges annehmen ließ und ohnehin schienen nur wenige Menschen auf Victoria Island diese Inception Island zu kennen, geschweige denn sich für diese zu interessieren). Ich bin mir aber sicher, dass wir alle drei ein Leben lang davon zehren werden. Und das vollkommen zurecht: Das war saustark!

Teamfoto auf der Third Order Island.

Wir ließen uns nach zwei Tagen Regen, vielen Stunden Ausharren im Zelt und ein paar Erkundigungen von einem kleinen Wasserflugzeug abholen. Auf dem Rückweg machten wir Zwischenstopp, um unser zurückgelassenes Gepäck einzusammeln. Damit war dieses Abenteuer zu Ende und es sollte ein neues beginnen: Aufgrund der Waldbrände um die Stadt Yellowknife herum, sollten zwei Wochen neuer Erfahrungen und Erlebnisse in Cambridge Bay auf uns warten. Denn einem früheren Rückflug nach Deutschland versperrten sich die Feuer im Norden Kanadas vehement. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

THIRD ORDER ISLAND

69°47‘32.7“N 108°14‘28.4“W

Start: Cambridge Bay (Victoria Island, Nunavut, Kanada)
30.07.2023 – 16.08.2023, 175 km, unsupported
Joshua Grom, Mario Bastady, Sebastian Uhrig

In 11. kurzen Episoden erfahrt ihr von der Idee, unserer Planung vorab, mit welchen Hürden wir vor Ort klar kommen mussten und wieso unser Regenponcho so eine große Rolle spielen durfte.

Für Tatonkas Instagram-Kanal, erschienen Dezember/Januar 2023/2024.

Ein herzliches Dankeschön an unsere privaten Unterstützer, die uns in Planung und Umsetzung zur Seite standen.

Vielen Dank unseren Sponsoren, die uns mit professioneller Ausrüstung unterstützt haben:

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